Ein Germanist hat einen fundierten Artikel über die Qualität der Literaturbesprechungen und die literarische Schwarmintelligenz im Web 2.0 auf Telepolis geschrieben:

Oliver Bendel: User Generated Nonsense,  Literaturbesprechungen von Laien im Web 2.0

Da gibt es manches Bedenkenswerte zu lesen und man kann seine Ansicht durchaus diskutieren.
Ih stimme ihm zu, daß die Veröffentlichungsmöglichkeiten und die Referenz-Strukturen im Netz wenig qualitative Gewichtung ermöglichen und ein vielzitierter und geblogrollter Blog-Beitrag eventuell mehr Relevanz gewinnt als ein literaturwissenschaftlicher Beitrag und ich stimme ihm auch zu, daß durch die Veröffentlichungsmöglichkeiten ohne Qualitätskontrolle nicht unbedingt das Niveau steigt, sondern leidet.

Es ist bei der Literaturkritik die gleiche Konfrontation zu erkennen wie bei dem von den Wichtigtuer-Bloggern selbstkonstruierten Debattenfeld Journalismus <=> Blogger : die Selbstüberschätzung gewinnt halt leicht die Oberhand. Und dies besonders dann, wenn mit selbstgesuchtem Anonym namenlos argumentiert wird.

Das erkennt man auch an den triumphierenden, hässlichen Kommentaren im leider Telepolis-üblichen überheblichen User-Ton.

Aber wie es so ist im Leben: Getroffener Hund bellt und Hochmut kommt vor den Fall. 

Das verstehe ich einfach nicht. Da wird ein Buch beworben und viele flippen aus. Nun dürfen sie was kaputtmachen, aus dem Fenster werfen oder an einen Baum binden. Weil ihnen eingeredet wird, daß das die große Freiheit sei, daß sie sich damit über bestehende Tabus hinwegsetzen können.

KeinBuchKeine Eselsohren, bloß keine Fettflecken, nicht verknicken und bitte auf keinen Fall mit Wasser in Berührung bringen! So ein Quatsch. Für das KeinBuch gelten keine Verbote. Es will benutzt werden und soll hinterher auch so aussehen. Das KeinBuch nimmt die Angst vor dem Buch. Entgegen der üblichen Vorgehensweise, dass man Bücher sorgsam behandeln muss, soll es hier eben nicht so sauber und ordentlich zugehen. Das KeinBuch soll kreativ zerstört werden. Am Ende entsteht ein ganz persönliches Kunstwerk.

Sorry. Da wird wieder ein angebliches Tabu aufgebaut, und ein Gegenmittel angepriesen, um das arme kleine Ich zu stärken.
Kann man erst frei sein, wenn man etwas dafür  kauft?
Wenn etwas als Ware vorhanden ist?
Nur durch Konsum werde ich creativ?

Ich hab da echt eine Blockade, verständnismäßig.
Mein Großvater hätte gefragt: "Fällt Euch nichts Besseres ein?"
Ich frage: "Fällt Euch das nicht von selbst ein? Braucht Ihr dafür ein Produkt? Müßt Ihr dafür konsumieren?"

Tja. Wenn ich ein Buch an einen Baum binde, ein Gedicht an eine Wand schreibe, werde ich für bescheuert erklärt. Von denen, die nach dem Kauf dieses Buches ganz begeistert ein Buch an einen Baum binden oder eine Seite rausreißen.

Entlarvend ist auch die Amazon-Liste "Kunden, die dieses Buch kauften, kauften auch:"

  • HABA 1103 Mobile Zwitscherlinge
  • Beruhigungssauger FreeFlow
  • Musikalische Softwürfel
  • und auch die Schnullerkette Hoppel

Soll ich wirklich?Solche Bücherlisten sind immer ein Seiltanz:

weshalb soll man etwas lesen und weshalb gerade diese Bücher?

Ich hatte dieses Buch neulich in einer Buchhandlung gesehen und mal durchgeblättert und es wieder weggelegt.  Die Auswahl erschien mir doch gar zu willkürlich und vor allem: Wer ist die Zielperson dieser Empfehlung? Wer ist “Sie” der soll?

Dann lese ich beim Perlentaucher den Klappentext und werde erneut stutzig:

Vorgestellt werden Bücher, die von Lesern und Kritikern weltweit zu Kultromanen erhoben wurden.

Was bitte ist ein Kultroman? Dieses Wort ist ein Unwort an sich.  Diese Sehnsucht nach Kult geht mir auf die Nerven.  Die banalsten Deppen schwätzen am meisten von Kult

Und warum bitte sind nur Romane Bücher? Auch diese Frage stellte sich mir.

Und dann finde lese ich Burkhardt Müllers Rezension aus der Süddeutschen vom April 2007  in o.g. Perlentaucher-Artikel und stelle fest, daß er mir mal wieder aus der Seele spricht. Und sehr viel kompetenter als ich es vermag dieses Buchkonzept eindeutig und mit klaren Aussagen vernichtet.

Warum dieses Buch wieder aus der Versenkung auftaucht? Nun, ein Leser hat es beim Perlentaucher empfohlen und deshalb tauchte es dort auf der Webseite in der Seitenleiste auf. Dieser Leser hat sich wohl in der Zielgruppe seiner Empfehlung geirrt..

Weiterlesen »

© 2010 Buchbestattung Suffusion WordPress theme by Sayontan Sinha