Die Vorstellung, den Literaturkanon querzulesen, hat für mich etwas gänzlich Unerhörtes. In gewisser umgekehrter und abstrakter Weise erinnert es mich ans Fettabsaugen: Man setzt intellektuelles Fett an, ohne dabei in den Genuss der gesundheitlichen Vorteile zu kommen und die Abkürzung der Lektüre bringt stets kaum aufzuwiegende Nachteile mit sich. Haben die großen Romanciers dieser Welt wirklich jahrelang verzweifelt an Klang und Rhythmus ihrer Sätze gefeilt, damit ein paar auf Zeitersparnis versessene postmoderne Leser den Text dann querlesen können wie ein politischer Spindoctor dies mit der Rede eines Ministers macht, wenn er nach einem prägnanten Zitat sucht?
Ein lesenswerter Beitrag zum Thema "Querlesen <=> Literatur" von Evan Malony, wiedergegeben im FREITAG in der Übersetzung von Holger Hutt. Malony kommt zu diesem Schluss:
Ich weiß, wir leben in einem Zeitalter, in dem wir die Geschwindigkeit unseres Internetanschlusses in Sekundenbruchteilen messen und unsere Gefühle mit dem SMS-Daumen in der Form gr8 2 c u zum Ausdruck bringen. Ich weiß, dies ist das Zeitalter der Schnelllebigkeit und des Twenty20-Cricket, aber ich glaube nicht, dass wir auch noch unsere Lesegewohnheiten an die Geschwindigkeit des modernen Lebens anpassen sollten. Es sollte vielmehr als ein Vergnügen betrachtet werden, bei dem man, wenn auch nur für einen Augenblick, die Zeit vergisst.
Auf der Startseite, aber sonst unter "Fun & Gewinne" versteckt, die Sensation des Kartoffel-Jahres 2009:
Pfanni bietet Hörbücher zum Download an.
Wer da aber glaubt, nun endlich die Kulturgeschichte der Convenience-Kartoffel vorgelesen zu bekommen, oder Ratgeber wie etwa "Alles was man mit der gesparten Zeit anfangen kann, wenn man keine Kartoffeln mehr schält" , der irrt sich.
Es wird SIr Arthur Conan Doyle, Edgar Allan Poe oder Robert Louis Stevenson im Angebot geben. Und bevor man zum Download geleitet wird, muss man noch sein Pfanni-Wissen unter Beweis stellen:
Kennen Sie die Pfanni Miniknödel?
Ich finde das alles sehr mysteriös. Sowohl die Veröffentlichungstermine der angekündigten Downloads als auch die Gründe für dieses Angebot.
Aber es muss ja nicht immer einen logischen Grund geben. Vielleicht reicht auch ein Sonderangebot eines Hörbuch-Studios und der Ablauf der Autoren-Rechte aus.
So kommen die klassischen Abenteuer-Romane in die Pfanne. Keine schlechte Idee.
PS: Das Bild stammt von Wikimedia und ist in der PublicDomain. Auch wenns ein Van Gogh war.
In Afghanistan besinnt man sich wieder auf Traditionen. Gibt es hier im Westen die Tradition der Bücherverbrennung, so gibt es dort die Tradition, Bücher in den Fluß zu werfen. Zeitgemäße Maßnahmen kommen hinzu: man verurteilt Menschen, welche Bücher aus dem Internet laden und nachdrucken, zum Tode.
Und das geschieht zur Zeit wieder. Der Freitag berichtet darüber und schließt mit der Frage:
Die Menschen in Afghanistan fragen sich heute, wozu sie denn ausländische Truppen und tausende Nichtregierungsorganisationen im Land haben, wenn die geistige Freiheit eingeschränkt wird, während das Verbrechen gleichzeitig floriert. Die Menschen im Westen fragen sich dasselbe. Es ist nicht leicht, darauf eine Antwort zu finden.
Man findet keine Antwort. Sondern verliert die Worte darüber…