Die Vorstellung, den Literaturkanon querzulesen, hat für mich etwas gänzlich Unerhörtes. In gewisser umgekehrter und abstrakter Weise erinnert es mich ans Fettabsaugen: Man setzt intellektuelles Fett an, ohne dabei in den Genuss der gesundheitlichen Vorteile zu kommen und die Abkürzung der Lektüre bringt stets kaum aufzuwiegende Nachteile mit sich. Haben die großen Romanciers dieser Welt wirklich jahrelang verzweifelt an Klang und Rhythmus ihrer Sätze gefeilt, damit ein paar auf Zeitersparnis versessene postmoderne Leser den Text dann querlesen können wie ein politischer Spindoctor dies mit der Rede eines Ministers macht, wenn er nach einem prägnanten Zitat sucht?
Ein lesenswerter Beitrag zum Thema "Querlesen <=> Literatur" von Evan Malony, wiedergegeben im FREITAG in der Übersetzung von Holger Hutt. Malony kommt zu diesem Schluss:
Ich weiß, wir leben in einem Zeitalter, in dem wir die Geschwindigkeit unseres Internetanschlusses in Sekundenbruchteilen messen und unsere Gefühle mit dem SMS-Daumen in der Form gr8 2 c u zum Ausdruck bringen. Ich weiß, dies ist das Zeitalter der Schnelllebigkeit und des Twenty20-Cricket, aber ich glaube nicht, dass wir auch noch unsere Lesegewohnheiten an die Geschwindigkeit des modernen Lebens anpassen sollten. Es sollte vielmehr als ein Vergnügen betrachtet werden, bei dem man, wenn auch nur für einen Augenblick, die Zeit vergisst.

