Warum werden große Werke der Weltliteratur von Epigonen weitergeschrieben?

Wieso meint ein Autor, eine Figur aus einem Werk der Weltliteratur entleihen zu können und ihre Geschichte weiterschreiben zu dürfen?

Das ist eine Frage, die ich schon lange mit mir herumtrage und auf die ich durch eine Rezension in Liisas Litblog wieder aufmerksam wurde.

Ich meine jetzt nicht nur das aus rein kommerziellen Gründen weitergeschriebene Vom Winde verweht, oder den von Liisa vorgestellten Roman von Roger Morris, Verkaufte Seelen, sondern auch solche Werke wie den Roman Teufels Werke von Witali Rutschinski (Ein Roman um Bulgakows “Der Meister und Margarita”) oder Udo Ricarellis Ein Mann, der vielleicht Schulz hiess, in dem der italienische Autor vermeint, das Leben des unglücklichen Bruno Schulz, des galizischen Kafkas, als Roman nachschreiben zu dürfen, wobei er mit seiner Figur Schindluder treibt und man dem ganzen Machwerk anmerkt, dass Ricarelli nichts, aber auch nichts von Bruno Schulz verstanden hat.

Allein “Dostojewski” und “Petersburg” bei amazon einzugeben reicht schon und man erhält gleich zwei solcher Trittbrettfahrer-Bücher aufgelistet:

  • Der Meister von Petersburg von J. M. Coetzee
  • Dostojewski. Bd. 1. Verschwörung in St. Petersburg von Dora Bregova,letzteres treffenderweise von einem Händler trivialamazon für 0,39 € angeboten.

Sicherlich gibt es auch hochliterarische Werke wie eventuell “Ein liebender Mann” von Martin Walser über Herrn Goethe, dies vermag ich aber hier nicht einzureihen, erstens habe ich es nicht gelesen, und zweitens traue ich Herrn W. eine durchaus eigenständige Leistung zu;=)

Warum also vergreifen sich Autoren, meistens Autoren der 2. Liga, an Meisterwerken oder an den Schöpfern?
Fällt Ihnen nichts ein?
Meinen sie so am Glanz des Originals partizipieren zu können?

Die Diskussion ist eröffnet…

6 Antworten to “Bücher weiter schreiben – warum?”

Kommentare (6)
  1. fraglos sagt:

    Haha, J.M. Coetzee, Autor der zweiten Liga…

    Im Ernst.
    Autoren sind Leser, sie sind hin und wieder sogar mit Weltliteratur sozialisiert worden. Schreibe, über das, was dich bewegt. Und schon bist du bei den ganzen Adaptionen klassischer Stoffe.

    Ach, und war “Die Vermessung der Welt” wirklich so schlecht?

  2. Connie sagt:

    nanana…

    das hat meiner Meinung nach nichts mit Sozialisierung zu tun, wenn ich einen Charakter mopse… oder ist Abschreiben ein Teil der Sozialisierung? ;=)

    Wer sich einen Charakter ausleiht, muß schon sehr gute Gründe haben, dies zu tun, und nicht einfach dadurch schon den Plot geliefert bekommen, die Charakterbeschreibung, das Personal der Handlung…

    Und da beginnt die Grauzone: “Vermessung der Welt” war doch meines Erachtens ein literarischer Plot aus historischen Gegebenheiten, das ist doch wohl was anderes als eine Figur aus einem literarischen Werk zu mopsen, eben diesen Dostojewski-Kommissar z.B., und das ganze Ambiente mitzunehmen und vielleicht sogar auch noch den Duktus des “Erst-Autors” nachzuahmen…

    und im Zeitalter des Kommerz ist der kommerzielle Erfolg des “Erst-Werkes” natürlich auch ein gutes Argument, da weiterzuschreiben… Markt-Kalkül eben

    siehe Wikipedia:
    Im übertragenen Sinne werden sowohl in der Kunst als auch in der (Geistes-)Wissenschaft geistige Nachfolger von Autoren als deren Epigonen bezeichnet, wobei hier oft die Einordnung als unbedeutende Nachahmer oder „Trittbrettfahrer“ mitschwingt.

    aber auch:
    In England, das nach dem Befund T.S. Eliots keine neuzeitliche Klassik hervorgebracht hat, ist der Begriff des Epigonentums, der den Maßstab des Klassischen voraussetzt, weitgehend bedeutungslos. Auf dieser geistigen Unbefangenheit und der damit einhergehenden historischen Unbekümmertheit beruht möglicherweise die auch heute wieder zu beobachtende besondere Durchschlagskraft des englisch-amerikanischen Kulturschaffens.

    und viele der Abschreiber sind ja auch aus dem englisch-amerikanischen Kulturschaffen…

  3. tinius sagt:

    Ich fand den Riccarelli nicht gar so schlecht, habe mich aber mit Bruno Schulz noch wenig – und vor allem vor Jahrzehnten – beschäftigt, sprich “Die Zimtläden” gelesen, als ich garantiert noch zu jung dafür war. Generell sehe ich aber mit biographischen Romanen eigentlich ein ganz anderes Feld eröffnet, was mit den Übernahmen aus anderen literarischen Werken nur am Rande zu tun hat. Zu Coetzee kann ich nicht viel sagen, aber er gehört wohl noch zu den Autoren, die es wenigstens wagen dürfen…. Daß das total schiefgehen kann, mußte ich bei Garcia Marquez “Erinnerung an meine traurigen Huren” erfahren, der ja ein japanisches Buch als Grundlage genommen hat. Da ich Kawabatas Original nicht kenne, hat es mir Garcia Marquez erstmal ziemlich verleidet. ;) Ich finde es generell okay, wenn man sich auf diese Weise mit Stoffen, Themen, Figuren literarisch (dies Wort in einem wertenden Sinne verstanden)auseinandersetzt. Aber was ich nicht mag, ist die rein kommerziell orientierte Weitervermarktung bestimmter Klassiker wie sie Alexandra Ripley und ähnliche betreiben. (Man bedenke : Brecht hat kaum eigene Stoffe entwickelt, aber dennoch Eigenes geschaffen). LG tinius

  4. frank sagt:

    auch hier, was ich schon bei liisa gesagt habe: … na, einer der größten ist gleichzeitig ein großer “abschreiber” gewesen: thomas mann. da gibt es zahlreiche stellen in seinem werk, abgesehen davon, dass er hemmungslos in den biografien seines umfeldes, eigentlich in allem “gegrast” hat. nacktes abschreiben im engeren sinne ist natürlich mist, ansonsten ist es doch immer die frage, was macht ein er aus des anderen gedanken, kann er sie weiterentwickeln, neues daraus gestalten?
    und natürlich gehört das dazu, einflüsse zu haben und sie zu verarbeiten! die vergleiche hinken auch ein wenig, niemals wird irgendwer dostojewski mit frau bergova und ihrem trivialamazon-buch verwechseln… einflüsse zu verarbeiten gehört zum handwerk… und coetzee hat es echt nicht nötig von dostojewski “abzuschreiben” und tut es auch nicht…

  5. Connie sagt:

    Frank,

    habe ich “abschreiben” geschrieben?
    Ich habe “weiterschreiben” kritisiert, Plots oder Figuren übernehmen und aus was für Erwägungen auch immer weiterschreiben…

    das habe ich in Frage gestellt. Das ist kein “Einflüsse” verarbeiten, das ist was anderes und danach habe ich gefragt.

    Aber entweder drücke ich mich nicht klar aus oder meine Fragen werden nicht verstanden.

    Ich wollte z.B. gerne wissen, warum Coetzee sich Dostojewski nimmt und daraus einen recht platten Roman macht, was vielleicht in einer anderen literarischen Kategorie steht als dieser weitergeschriebene Dostojewskische Kommissar oder die Bergova

    Dass der Coetzee-Dostojewski-Roman platt ist, da beisst die Maus keinen Faden ab, das ist meine Meinung und Lese-Erfahrung und hat mich geärgert. Ich habe das als Anmaßung empfunden.

  6. frank sagt:

    hey connie, “platt” ist natürlich ein etwas unscharfes kriterium und außerordentlich dehnbar, an coetzee mag man einiges kritisieren, aber plat ist mir einfach zu undifferenziert… aber es ist sicher nicht sein stärkstes werk ;-)

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