Was ist in den letzten Wochen nicht über Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ gesagt worden. Jenni Zylka bezeichnet es in der taz als „Schleimporno gegen den Hygienezwang“[1]. Im Forum der Büchereulen argumentiert die Userin Katja gegen das Buch mit den Worten: „Bah ist das ekelig. Sowas würd ich nie lesen!“
Die Autorin überschreite Grenzen, so die Userin Batcat: „Bloß weil man weiß, daß man sowas machen kann (wie auch Ko…eschlürfen), muß man nicht über alles schreiben.“ Toleranz gegenüber einen provozierten Tabubruch – Ja, aber bitte in Maßen. Zudem sei in diesem Werk keine Intention weder politischer noch „feministischer Natur“, wie es einige Rezensenten großer deutscher Tageszeitungen, predigen.
Eigentlich kann ich über bestimmte Haltungen nur lächeln. Nicht, weil ich eine Verfechterin des Buches bin, ich kann nicht einmal behaupten das Buch gelesen zu haben. Aber dieser Versuch einer negativen Presse, um das Buch als „flach, pornographisch, daneben, provokant und einfach widerwärtig“ zu titulieren hat natürlich zum Gegenteil geführt. Jeder will es lesen, jeder will sich über Charlottes bzw. Helens Ausscheidungen, Körperflüssigkeiten und sexuelle Wünsche mokieren können. Jeder will etwas dazu vortragen und sei es auch nur eine ein-Satz-Kritik: „So’n Scheiß‘!“
Noch nie ist ein Buch, welches so schlecht rezipiert wurde in Zeitungen und Zeitschriften, so gut verkauft worden, so meine Beobachtung. Das Buch befindet sich seit vielen Wochen nicht nur bei Amazon auf Platz Eins des Belletristik-Rankings sondern auch auf der SPIEGEL-Bestseller-Liste ungeschlagen auf dem vordersten Platz. Nicht einmal so beliebte Autoren wie Ken Follett oder Siegfried Lenz können der ehemaligen VIVA-Moderatorin den Rang ablaufen.
Bestsellerlisten werden nach dem Verkaufsstand eines Werkes berechnet. Und so scheint „Feuchtgebiete“ das gleiche Schicksal zu haben wie die BILD – Niemand liest sie, niemand kauft sie und sie bleibt dennoch eine der auflagenstärksten Zeitungen in deutschen Landen.
Man könnte sich jetzt folgendes fragen: Wenn das Buch so pietätlos, respektlos gegenüber dem weiblichen Körper, ekelhaft, widerwärtig und tabulos ist, warum kauft und liest man es dann? Und weiter, warum beurteilt man es nicht nach den eigentlich sehr gängigen Kriterien eines „Laien-Lesers“? Ist es unterhaltsam, spannend, flüssig und abwechslungsreich geschrieben? Warum wird das Buch nach einer Intention, einer Moral abgesucht? Warum wird hinter allem, was sich gegen ein gesellschaftliches Phänomen richtet eine politische Idee vermutet und, da die Autorin weiblich ist, eine neue Form von Feminismus?
Eigentlich ist diese ganze Diskussion ja sehr löblich, schließlich bietet das Buch sehr viel Diskussionsstoff und mir gefällt es, dass über ein literarisches Werk öffentlich diskutiert wird. Nur, die Art und Weise einer Diskussion ist entscheidend. Die Art und Weise, wie sonst mit Literatur umgegangen wird, ist entscheidend. Bestes Beispiel, so Wolfgang Tischer in seinem Beitrag „Feuchtgebiete für alle! Literaturkritik für alle!“, sei die öffentliche Diskussion über „Feuchtgebiete“, während Werke wie „Mieses Karma“, in der das Bild einer Karrierefrau als „falsch und mitleidsvoll“ dargestellt wird geradezu ignoriert werden.

Dieses Werk sei die Romanisierung der Eva Herman’schen Haltung einer Frau, die nur hinter dem Herd glücklich sein kann. Für Tischer sei das die eigentliche Perversion und nicht die „paar Feuchtgebiete“ in Charlotte Roches ‚Pamphlet‘.
Gehen wir also nach den von mir genannten Kriterien vor, während ich eine Leseprobe genieße: Der Stil ist für mich sehr simpel; wenig abwechslungsreiche Satzstrukturen, geringer Wortschatz. Beispiel hierfür: „Weil ich mich innerlich sehr gegen das Rasieren wehre, mache ich das immer viel zu schnell und zu dolle. Genau dabei hab ich mir diese Analfissur zugefügt, wegen der ich jetzt im Krankenhaus liege. Alles das Ladyshaven schuld. Feel like Venus. Be a goddess!”[2] Mir ist das Verb “Ladyshaven” nicht bekannt, ergo gehe ich von einem Neologismus aus.
Ebenso werden onomatopoetische Elemente („Mit Abstand. Direkt danach auf Platz zwei kommt der Schmerz, den ich hatte, als mir mein Vater die Kofferraumklappe unseres Autos die ganze Wirbelsäule entlanggeschrabbt hat – ratatatatat – beim volle Pulle Zuschlagen.“[3]) eingesetzt, die fast Comic-artig wirken; genauso wie Hyperbeln („Und rammt mir dann was ins Arschloch. Der Schmerz bohrt sich die Wirbelsäule hoch bis zur Stirn. Ich verliere fast das Bewusstsein.“[4]) und fast ein konservativer Umgang mit Bezeichnungen für den weiblichen Genitalbereich – Poloch, Brustwarze, Sack usw.
Ist es spannend? Beim Betrachten einer Inhaltsangabe der Geschichte, fällt mir ein Jugendbuch ein, welches ich mit 12 oder 13 gelesen habe. Es heißt „Fingerspitzengefühle“ von Aiden Chambers.

Meine Erinnerungen sind stark getrübt, aber eines weiß ich noch: Ditto ist ein junger Mann, ausgerissen von seinen beiden Eltern, die sich scheiden lassen wollen. Er sucht eine Partnerin, möchte endlich Erfahrungen mit Liebe und Sexualität machen und findet diese in einem Zelt mit der jungen Helen. Ich weiß nicht mehr, wie es ausgeht, aber ich musste an diese Geschichte denken, während ich die Geschichte Helen Mehmels überflog. Ihre Eltern haben sich scheiden lassen und auch beide neue Partner; sie versucht diese wieder zusammenzubringen, denkt sich dafür alle möglichen Krankheiten aus und findet im Krankenhaus ihre große Liebe. Klingt das spannend? Na ja, wenn man Groschenromane mag, vielleicht. Für mich klingt das nicht sonderlich spannend. Und genauso wenig unterhaltend.
Dieses Werk, ich wollte es noch einmal betonen, ist nicht durch mein Raster gefallen, weil es so tabulos und pietätlos ist, sondern weil ich es einfach schlecht geschrieben und langweilig finde. Und Bücher, die mir so auffallen, werden von mir ignoriert und als das bezeichnet, was sie sind: Massenware.
[1] Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 28.02.2008
[2] “Feuchtgebiete” – Die Leseprobe
[3] ebenda
[4] ebenda


Das. ist. übrigens. Pop.kult.ur
Und Pop ist, tja, tatsächlich was für die Massen…