Die Vorstellung, den Literaturkanon querzulesen, hat für mich etwas gänzlich Unerhörtes. In gewisser umgekehrter und abstrakter Weise erinnert es mich ans Fettabsaugen: Man setzt intellektuelles Fett an, ohne dabei in den Genuss der gesundheitlichen Vorteile zu kommen und die Abkürzung der Lektüre bringt stets kaum aufzuwiegende Nachteile mit sich. Haben die großen Romanciers dieser Welt wirklich jahrelang verzweifelt an Klang und Rhythmus ihrer Sätze gefeilt, damit ein paar auf Zeitersparnis versessene postmoderne Leser den Text dann querlesen können wie ein politischer Spindoctor dies mit der Rede eines Ministers macht, wenn er nach einem prägnanten Zitat sucht?
Ein lesenswerter Beitrag zum Thema "Querlesen <=> Literatur" von Evan Malony, wiedergegeben im FREITAG in der Übersetzung von Holger Hutt. Malony kommt zu diesem Schluss:
Ich weiß, wir leben in einem Zeitalter, in dem wir die Geschwindigkeit unseres Internetanschlusses in Sekundenbruchteilen messen und unsere Gefühle mit dem SMS-Daumen in der Form gr8 2 c u zum Ausdruck bringen. Ich weiß, dies ist das Zeitalter der Schnelllebigkeit und des Twenty20-Cricket, aber ich glaube nicht, dass wir auch noch unsere Lesegewohnheiten an die Geschwindigkeit des modernen Lebens anpassen sollten. Es sollte vielmehr als ein Vergnügen betrachtet werden, bei dem man, wenn auch nur für einen Augenblick, die Zeit vergisst.
ich habe ein Kochbuch bekommen, welches Spezialitäten aus meinem neuen Terrain (Mecklenburg-Vorpommern) vorstellt. Ein Ort, ein Restaurant oder Hotel wird kurz vorgestellt und dann folgt auch gleich ein Rezept.
Neues vom Topfgucker.
Das Buch stammt aus dem Jahre 2003 und ist inzwischen bei den Resteverwerten zu bekommen.
Ich habe mich gefreut. Und habe begonnen, das Buch durchzublättern. Und dann überwog der Ärger.
So lieblos gemacht und "hingehuddelt"; daß es eigentlich nur mit gutem Willen zu gebrauchen ist.
Ich erwartete zu Beginn eine Übersichtskarte, auf der alle teilnehmenden Gaststätten verzeichnet wären und die auch die Seitenzahl, auf der dann das Restaurant zu finden ist, nennt. Also wenn ich nach einem Restaurant in Wismar suchte, fände ich alle vorgestellten Restaurants in und um Wismar auf dieser Karte samt dazugehörender Seitenzahl. Und diese Karte, da sie einen Überblick verschaffen soll, erwarte ich zu Beginn des Buches.
Dem ist aber nicht so.
Die Karte ist im Anhang des Buches, irgendwo zwischen verschieden Registern, zu finden.
Und die Karte zeigt die Orte. Aber nicht die Restaurants und keine Seitenzahlen. Ich weiß also nicht, welche Restaurants an welchen Orten zu finden sind und wo sie im Buch aufzuschlagen sind.
Also muss ich das Verzeichnis der Hotels und Restaurants, das sich an diese Karte anschließt, durchsuchen nach Restaurants. Nun ist aber nicht zu erkennen, nach welcher Ordnung die Einträge sortiert sind, nicht nach Postleitzahlen, nicht nach Ortsnamen, nicht nach Namen der Lokalitäten. Nach einigem Nachdenken kommt man drauf, dass sie nach der Anordnung im Buch aufgelistet sind, wer auf den ersten Seiten vorgestellt wird, kommt auch in der Liste zuerst.
Aber wonach sind die Seiten sortiert? Das ist nicht herauszufinden.
Nächste Suche: Nach vorgestellten Speisen. Dazu schlägt sich im Buch wieder hinten die Seite mit der Landkarte auf, denn da hat man ja schon rumgeblättert, aber da ist kein Speisenverzeichnis zu finden. Denn dieses befindet sich vor der Seite mit der Karte.
Als erstes sieht man eine alphabetische Auflistung. Ist ja nett. Aber wo hätten Sie ein Enten-Gericht gesucht? Unter E, vermute ich mal. Habe ich auch. Unter E gibts tatsächlich ein Enten-Gericht. Aber es gibt noch ein Enten-Gericht: unter M. Denn dort steht "Mit Dörrobst gefüllter Entenbraten". Ich fass es nicht. Aal ist übrigens unter T zu finden (Tollenseaal) und Schweinemedaillons unter Ü (Überbackene Schweinemedaillons).
Dann gibt es aber noch ein Register nach Speisen geordnet. Und unter Fleisch findet sich als Erstes "Arturs Leibgericht." und auch "Brandstifter. " Das ist ja immerhin schon eine Information.
Die Rezepte selbst sind typographisch nicht zu erkennen. Gleiche Textauszeichnung wie der redaktionelle Teil, die Vorstellung des Ortes oder des Etablissements. Irgendwann fängt halt das Rezept an. Und dann kommt irgendwo auf der Seite auch schon das nächste Etablissement an die Reihe, nicht einmal eigene Seiten hat man gegönnt.
Das Buch besitzt kein Inhaltsverzeichnis zu Beginn. Nein, alle diese Informationen sind am Ende des Buches angesiedelt.
Als es herauskam, 2003, da soll es schon das Internet gegeben haben. Aber außer der URL des herausgebenden Verlags findet sich keine Webadresse der vorgestellten Etablissements. Immerhin sind Telefonnummern genannt. Da kann man nicht meckern.
Alles in Allem ein vollkommen untaugliches Buch. Das ist schade und sehr ärgerlich. Es hätte nämlich nicht mehr gekostet, hätte man das ordentlich aufgezogen.
Neues vom Topfgucker des Nordmagazins im NDR Fernsehen
Verlag: Hinstorff; Auflage: 1 (19. Februar 2003)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3356010077v ISBN-13: 978-3356010077
Nun ist es ja angeblich so, daß wir Leser(innen) gute Literatur von Schund unterscheiden können und Schund nur lesen, wenn wir gerade das Hochliterarische vergessen haben und am Flughafen oder Bahnhof einen Schundschmöker kaufen müssen…
Deshalb ist es nachgerade wichtig, daß die WELT in einem Artikel von Hannes Stein (erst habe ich auf Herrn Rainer Moritz, den Fußball-, Schlager-, Krimi-Apologeten und leider auch Leiter des Hamburger Literaturhauses getippt) nun ausführlich darlegt, warum ein schlechtes Gewissen unnötig sei:
im Schund offenbare sich das Ur-Mythische und das brauche der Mensch / Leser nun mal eben.
Ich gebe immer wieder zu, daß ich als Studentin Groschenheftchen geschrieben habe, weil ich mir damit leichtes Geld für meine Reisen verdienen konnte, aber gelesen habe ich diese nie. Ich habe sie einfach ausgerechnet.
Und heute muß ich dazu sagen, daß diese Apologie des Schunds, wie sie der Herr Stein da von sich gibt, bei mir nicht greift.
Gründe gegen den Schund:
- ich mag keine Charaktere, die ich vorausberechnen kann
- mehr als ein Adjektiv pro Substantiv halte ich nicht aus
- auch gute Literatur ist nicht schwierig zu lesen, geht als "brain candy" allemal durch
- Verdummung ist nur dazu da, die Hirne zu verkleistern
- mir ist es schade um die Zeit, dazu ist mein Leben zu kurz, dazu gibt es zu viele Bücher
- mir wird übel beim Lesen

